Fight the Virus

Anna Fridrich & Sophie Bestier __ Erfahrungsberichte

Erfahrungsberichte

Alltag

Vielleicht zeigt uns die momentane Situation, wie wichtig unser Alltag eigentlich ist? Gewöhnlich beschweren sich viele über ihren Alltag. Zu wenig Freizeit, zu viel Arbeit, man bekommt nicht genug Schlaf, ist zu gestresst und verbringt zu wenig Zeit mit der Familie oder Freunden.
Nach ungefähr einer Woche wusste ich nicht mehr, was ich mit meiner zu viel gewonnene Freizeit anfangen sollte, der Lagerkoller setzte ein. Die Wohnung war geputzt, die Kleiderschränke aus- und aufgeräumt und ich habe fünf Kuchen gebacken.  Natürlich gehe ich jeden zweiten Tag raus zum Radfahren, um noch mehr Kuchen backen und essen zu können. Doch was nun?
Im Internet gibt es unzählige Tipps gegen die Langeweile in dieser Zeit. Doch fast all diese habe ich bereits abgearbeitet. Jetzt muss ich mir wohl neue Hobbies suchen, was momentan allerdings nicht so einfach ist. Vielleicht fehlt uns der „stressige Alltag“, die Struktur, der täglichen Gang zur Arbeit, damit wir uns wieder auf den Feierabend, die Familie und das Ausgehen freuen können, doch mehr, als wir ihn eigentlich wertschätzen.

 

Schülerin

Ich heiße Larissa, bin 11 Jahre und gehe in die 6. Klasse des Gymnasiums Kolleg St. Blasien. Für mich ist die Zeit ohne meine Freunde und ohne Schule sehr schwierig. Man darf das Haus nicht verlassen und jeder Tag fühlt sich gleich an.
Wir kriegen Aufgaben von unseren Lehrern per Mail zugeschickt, die wir bis zur nächsten Woche erledigen sollen. Unsere Lehrer haben uns geraten, dass wir den Samstag als Schultag streichen sollen, doch oft muss ich auch noch am Wochenende die Aufgaben der Woche bearbeiten. Es sind so viele. Da man nicht immer die Lehrer um Hilfe fragen kann, braucht man manchmal etwas länger für die Aufgaben, oder bis man sie überhaupt versteht.
Ich finde, dass einem momentan die Motivation zum Arbeiten, ohne persönlichen Kontakt, fehlt. Ohne Lehrer ist es einfach anders und Videokonferenzen können den Unterricht auch nicht ganz ersetzten. Es ist anstrengend alles immer wieder einzustellen: Die Websites und das W-Lan stürzen manchmal ab, mal geht der Ton nicht oder das Bild ist plötzlich weg.

Gut finde ich aber, dass man jetzt mehr schätzt, wie toll es ist, Freunde zu haben, zur Schule zu gehen, Jemanden ohne Gedanken umarmen zu können oder ihm die Hand geben.

Schlimm finde ich zurzeit, dass man niemanden mehr besuchen darf, keine Freunde und auch nicht mal Oma und Opa. Man kann nur noch zusammen mit der Familie zu Hause hocken. Ich fühle mich schlapp und habe keinen Antrieb. Ich würde mich riesig freuen, wenn die Schule wieder losgehen würde. Zwar mit strengen Regeln und Maskenpflicht, aber irgendwie.

 

Studentin

Ich weiß zurzeit nicht, wie es weiter gehen soll. Ich bin Studentin und arbeite in einem Biergarten im Service. Normalerweise komme ich mit meinem Gehalt - und dem nicht zu unterschätzendem Trinkgeld - gut über die Runden. Doch momentan sitze ich mit Kurzarbeitergehalt und finanziellen Sorgen zu Hause. Niemand kann mir sagen, ob der Betrieb die momentane Krise durchsteht oder insolvent geht und ich ab nächsten Monat ohne Gehalt dasitze.

Trotz der Ungewissheit muss ich die monatlich anfallenden Kosten, wie Miete, W-Lan (momentan unverzichtbar, da wir Onlinevorlesungen haben) und Lebensmittel bezahlen.
Da mir mein Gehalt nicht komplett gestrichen wurde und ich auch nicht auf der Straße sitze, kann ich keinen Corona- Hilfskredit für Studenten beantragen. Darum warte ich jede Woche auf ein Neues und hoffe, dass ich mir die sonst so selbstverständlichen Lebensmittel noch leisten kann, ohne dabei das Geld für meine Miete auszugeben.
Ich bin der Meinung, dass vielen Studenten hier zu wenig und zu langsam geholfen wird. Viele wurden bereits staatlich finanziell unterstützt: Große sowie kleine Firmen, die Läden in der Stadt, die Restaurants und sogar die Sportvereine. Ich habe weiterhin meine Sorgen und fühle mich momentan total im Stich gelassen.

 

Rentner

Normalerweise gehe ich jeden Morgen meine Frau im Pflegeheim besuchen. Sie hat Alzheimer und durch mein eigenes Alter schaffe ich es nicht mehr uns beide zu versorgen.
Momentan ist die Situation durch das Corona-Virus wahnsinnig schwierig und ich merke, dass meine Frau es nicht versteht, warum ich sie nicht mehr jeden Morgen besuche. Durch den Einschluss im Pflegeheim kann ich sie nicht mehr persönlich besuchen und kann ihr lediglich etwas vorbeibringen, was ich allerdings unten am Empfang abgeben muss.
Wenn ich dann dort bin, sehe ich, wie sie auf dem Balkon sitzt und mir verwirrt hinterherschaut oder winkt. Manchmal ruft sie mir auch hinterher und fragt, warum ich sie nicht mitnehme oder besuche, sondern alleine zurücklasse.

Da meiner Frau der regelmäßige und feste Ablauf fehlt, merke ich, wie sie immer verwirrter wird und sich abschottet. Es fällt mir wirklich schwer, sie nicht mehr besuchen oder in den Arm nehmen zu dürfen. Das ist das Einzige, was wir noch hatten.

 

 

Familie

Eine fröhliche Familienrunden am Mittagstisch. Wir haben sogar Zeit für Brettspiele und Bastelstunden. Mein Mann und ich sind weniger gestresst und können den Haushalt und vieles mehr momentan gemeinsam erledigen. So stellt man sich die Zeit während der Quarantäne vor. Doch leider sieht die Realität anders aus:

Wir sind gereizt, müde und wütend. Irgendwann haben wir sogar angefangen uns anzuschreien, dabei läuft der Alltag sonst immer ganz harmonisch bei uns ab.
Wenn ich nicht mehr weiterweiß, weine ich unter der Dusche. Ich habe auch meinen Mann schon dabei beobachtet. Man kann also behaupten, wir sind einfach überfordert. Ich hoffe wirklich, dass die Kindergärten und Schulen bald wieder auf machen können.
Wir haben drei Kinder zwischen drei und zehn Jahren. Der Eine will andauend beschäftigt werden und spielen, wie er es aus dem Kindergarten gewohnt ist. Der Andere meckert er will wieder seine Freunde aus der Schule sehen. Und der Ältesten ist einfach nur langweilig. Sie vermisst sogar fast ihre Lehrer, denn auch die zugeschickten Schulaufgaben müssen erledigt werden, was gelegentlich für Streit zu Hause sorgt. Und nebenbei wäre es ganz gut selbst noch etwas arbeiten zu können.
Auf Dauer funktioniert das so einfach nicht.

Anna Fridrich & Sophie Bestie

Space LAB __ 4. Semester Designr

Betreuung Prof. Karin Jobst & Prof. Dirk Wachowiak

© 2020 by Campus Freiburg, Hochschule Macromedia, Fakultät der Künste